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  • Tom Kareto

Transreisen...

...oder Platzierungsfahrten sind an sich schon etwas besonderes. Als Transreise bezeichnet man den Reisezeitraum in dem sich ein Schiff von einem Fahrtgebiet in das nächste begibt um dort den Sommer-/Winterfahrplan durchzuführen. Dementsprechend sind diese Fahrten nicht an der Tagesordnung und ein wahres Highlight. Aus Crewsicht natürlich auch etwas anstrengender, was man jedoch gerne in Kauf nimmt. Man ist mal nicht im wöchentlichen Routinemodus sondern man hat jeden Tag mit anderen Herausforderungen zu tun.

Gebucht werden diese Transreisen entweder komplett oder als Teilreisen.


In meiner Zeit an Bord habe ich einige Transreisen mitgemacht, heute erzähle ich von der Reise Kiel -> Bangkok. 55 Tage Abwechslung. 55 Tage viele gleiche Gäste. 55 Tage voller Highlights. 55 Tage voller Seetage. Meiner Meinung nach wird diese Reise erst richtig schön und interessant sobald man den arabischen Raum verlassen hat. Das ist jedoch eine Luxus-Einstellung, denn alles bis dahin hat man halt schon sehr oft gesehen.



Malta - (c) by Tom Kareto

Los ging die Reise in Kiel über Schweden, England, Frankreich, Spanien, Portugal, Italien, Sizilien und Malta. Seid Ihr schon einmal morgens um 7 Uhr in diesen atemberaubend schönen Hafen eingelaufen? Es gibt doch nichts schöneres oder? Dieser Naturhafen, die Farben, das Meer, die ganze Kulisse ist einfach gigantisch. Da wir das ja wissen, möchten wir das natürlich noch etwas spektakulärer gestalten. Deshalb legen wir dramatische, instrumetale Musik auf die Boxen am Pooldeck und spendieren Kaffee und Schokolade mit Schuss für all die frühen Schaulustigen Gäste. Man hat ja Urlaub. Da geht so ein Baileys Kaffee morgens schonmal. Wenn man in Valletta in den Hafen fährt, ist man dicht am Ufer. Die ein oder andere wahrscheinlich teure Wohnung kann man auch sehen. Inklusive manch wütendem Malteser, der sich wahrscheinlich mal wieder freut das er Sonntags morgens um 7:00 von dem einlaufenden Hotel mit Musikuntermalung geweckt wird. Shit happens, er wusste vorher das seine Wohnung da am Hafen liegt. Das sieht die Hafenbehörde übrigens ähnlich, die Info bekam ich nämlich von einem Lotsen persönlich.



Einfahrt Suez - (c) by Tom Kareto

Nach Malta geht es dann Richtung Kreta, der letzte Stop in Europa. Dort wird nochmal alles nachgeladen was irgendwie möglich ist und dann Leinen los in Richtung Ägypten. Dort heißt es: Durch den Suez Kanal. Wer jetzt denkt, da fährt man einfach mal so durch, weit gefehlt. Die Durchfahrt muss angemeldet werden und kostet auch eine Kleinigkeit. Jede Reederei hat da natürlich ihre Verträge, es gibt jedoch Richtwerte um mal ein Gefühl dafür zu bekommen was das kostet. Die Durchfahrtsgebühren liegen zwischen 100.000 und 300.000 € pro Schiff. Wenn man das mal auf die Länge von 163 KM umrechnet sind das im günstigsten Fall 613 € pro KM oder auf 2.500 Passagiere umgerechnet: 40 € pro Passagier. Im günstigsten Fall! Wenn man jetzt mal dagegen stellt, das ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung mit etwa einem Euro am Tag auskommen muss, steht das in keinem Verhältnis.



Rein nautisch hat der Suezkanal auch einige Herausforderungen zu bieten. Selbst für erfahrene Seeleute ist es nichts alltägliches, einen 350 Meter langen Stahlkolloss mit tausenden Quadratmetern an Segelfläche durch so eine schmale Schifffahrtsrinne zu führen. Dazu kommen Strömung und im ungünstigsten Fall noch der mit bis zu 40 Knoten starke Wüstenwind dazu. Man darf nicht vergessen, verliert man bei einem Schiff die Steuerung, weiß man nicht wohin es treibt, es ist halt kein Auto.

Der Suezkanal ist seit der Eröffnung das Prestigeobjekt Ägyptens. Im Jahr 2019 sind täglich ca. 50 Schiffe durch den Kanal gefahren. Nicht zuletzt deshalb wurde eine zweite Fahrrinne gebaut, um dem immer größer werdenden Aufkommen gerecht zu werden.

Durch die zweite Fahrrinne kann der Kanal auf einer Strecke von 35 KM beidseitig befahren werden, trotzdem fährt man in Kolonnen mit 10-15 Schiffen. Nach der Hälfte ungefähr muss man im Bittersee warten bis die Schiffe aus der entgegenkommenden Richtung vorbeigefahren sind. Diese ganze Prozedur erstreckt sich über mehrere Stunden, genauer gesagt 11. Plus Wartezeit und dergleichen liegt man ca. bei 22 Stunden Durchfahrtzeit. 22 Stunden Fahrt durch die Wüste. Vorbei an einigen militärischen Wachposten die jederzeit freudig aufhüpfen und mit ihren Gewehren winken. Der Suezkanal ist gemäß der Konvention von Konstantinopel nämlich auch militärische Hochsicherheitszone. In dieser Konvention ist festgelegt, dass jedes Schiff, jeglicher Nation und Herkunft diesen Kanal passieren darf. Das bedeutet natürlich, dass auch Schiffe kriegsführender Länder diese Passage nutzen.


Doch warum nutzt man den Suezkanal eigentlich?

Ganz einfach, aus Kostengründen. Den Seeweg von Europa nach Indien verkürzt der Kanal um etwa 7000 Km - eine Menge für die unter Zeitdruck stehenden Frachter mit den Konsumgütern der Welt. Gäbe es den Suezkanal nicht, müsste das Schiff den Umweg um das Kap der guten Hoffnung nehmen, was bei einer Geschwindigkeit von 16 Knoten ca. 3 Wochen dauert. Und im Vergleich zur Suezdurchfahrt sogar noch 40 % teurer wäre.


Aber gab es da nicht auch Piraten?

Ja, die gab es tatsächlich. Vor noch wenigen Jahren waren die Piraten ein großes Thema im Suezkanal. Sie kaperten Tanker, Frachter und erpressten jede Menge Lösegeld. Doch es wurde reagiert, und heute besteht im Suezkanal so gut wie keine Gefahr mehr, vor allem nicht für Kreuzfahrtschiffe. Da sind einfach zu viele Menschen drauf. Und: Wehe es nimmt dem deutschen Gast einer das Buffet-essen, dann haben die Piraten eh nichts mehr zu lachen.Die beste Abwehr befindet sich also eh an Bord :) Beim Anblick des ganzen Miliitärs am Rande, bleibt jedoch ein klein wenig Nervenkitzel übrig :)



Sundowner Suez (c) by Tom Kareto

Mit diesen Hintergrundinformationen ist die sonst eher langweilige Durchfahrt dann doch etwas aufregender. :)

Und es war das erste, große Highlight auf dieser Transreise. Und viele weitere werden folgen.


Also seid gespannt :)


LG Tom

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