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  • Tom Kareto

Höhenangst...

Aktualisiert: Juni 21


Prekestolen - (c) by Tom Kareto

..habe ich Gott sei Dank nicht. Zumindest nicht bei alltäglichen Dingen. Dieser Ausflug hatte es jedoch in sich. In vielerlei Hinsicht. Die Rede ist vom "Preikestolen" oder "Prekestolen"(norwegisch, wörtliche Übersetzung: Predigtstuhl)


Als ich die Info bekam, dass ich auf der Norwegen Tour eingesetzt werde, freute ich mich auf Fjorde, viel Natur und den Preikestolen. Schon im Vorfeld hatte ich von diesem Wahnsinns Ausflug gehört und wollte ihn auch unbedingt mitmachen. Ich wollte auch dieses eine Foto haben. Am Rand der 600 Meter senkrecht abfallenden Felskante stehen. Nach ein paar Wochen an Bord war es dann soweit, ich wurde sogar gefragt ob ich dem Shore-Excursions Team als sogenannter Hilfs-Scout aushelfen könnte. Diese Möglichkeit bietet sich manchmal. Meist hat man dennoch einen Reiseleiter dabei, muss aber vielleicht übersetzen und man ist Ansprechpartner für die teilnehmenden Gäste.


Im Briefing zu dem Ausflug teilte man mir mit, dass es wichtig wäre, "angemessene" Schuhe mitzunehmen und das ich unbedingt auch bei den Gästen noch einmal darauf achten solle.

Gut, wird schon so schwer nicht sein. Immerhin besuchen diesen Felsbrocken über 300.000 Menschen pro Jahr.


Vom Liegeplatz wechselte ich mit meiner Ausflugsgruppe das Schiff. Wir mussten vorerst mit einer Fähre noch nach Stavanger. Dort ging es im Bus weiter und unsere Reiseleitung erklärte was uns dann erwartet. Ein bisschen wandern und dann ist man oben. Die gute Frau konnte sehr gut untertreiben. Übrigens: zwei Frauen unserer Gruppe hatten sich nicht an das Schuhkonzept gehalten, welches vorgeschrieben war. Sie beteuerten jedoch, dass sie mit den Riemchen-Sandalen besser laufen könnten. Turnschuhe hatten sie jedoch auch dabei, das sei am Rande erwähnt, sonst hätten sie aus versicherungstechnischen Gründen gar nicht an dem Ausflug teilnehmen dürfen.


Angekommen. Abfahrt zurück zum Schiff in 6 Stunden. Ich erinnere mich noch wie ich die Reiseleiterin fragte was man denn da oben so lange macht. Ihr Blick war verwirrt. Warum, stellte sich dann heraus. Denn das man da fast 2 Stunden hochwandert - davon hat mir vorher keiner was gesagt. In meiner jugendlichen Naivität bin ich davon ausgegangen, dass man mit einer Seilbahn oder ähnlichem da hoch fährt.


Oh my God..Wer sich jetzt breite, geebnete, romantische Wanderwege in der schönen Natur vorstellt - Möööööp. Stock und Stein und steile Hänge. Mit hereingeschlagenen Stufen warteten auf uns. Die Reiseleitung sagte, dass sie sich ganz an das Ende der Wandergruppe halten wird und ich ruhig schon vorgehen sollte. Gesagt, getan. Kopfhörer in die Ohren und los. Wie eine Gazelle lief ich den Berg hoch. NICHT. Die Beschreibung "abgekämpfter Elefant" trifft es besser. Nach ca. 2 Stunden und 4 fast Ohnmachtsanfällen kam ich dann oben an. Mit zitternden Knien.

Als ich 35 Minuten später endlich wieder atmen konnte, sah ich erst wo ich da gelandet bin. Ihr seht den Ausblick auf den Bildern. Irre. Nicht zu beschreiben. Ich setzte mich an einen Felsen und wartete auf die anderen der Gruppe. Mit dabei auch unsere Bordfotografin.


Nachdem alle Gäste Ihre Fotos geschossen hatten, ging ich an die Felskante um mich in Pose zu bringen. Ähm... Ja..ganz schön hoch. Oder tief. Je nachdem wie man es sieht. Meine vorlaute Klappe holte mich ein, denn ich hatte der Reiseleiterin gesagt, ich würde an der Kante einen Handstand machen für das Foto. Sie konnte ja nicht wissen, dass das mein erster Handstand seit der Schulzeit werden würde. Gott sei Dank war ich vom Aufstieg so geschwächt, das ich aus Sicherheitsgründen besser davon abgesehen habe. So habe ich der Reiseleiterin das auch erklärt. Ihre trockene Antwort war: "You don´t need to be afraid -nobody went over the edge yet" Auf deutsch: Brauchst keine Angst haben, da ist noch niemand heruntergefallen. Ja Mensch.. Dann kann ja nichts passieren.


Nein, ich habe keinen Handstand gemacht. Mein Körperschwerpunkt liegt wahrscheinlich einfach tiefer als bei anderen, deshalb wird das nie was. Also entschied ich mich, an die Kante zu gehen und mich hinzusetzen. Dieses Adrenalin im Kopf war irre. Keine Sicherung, kein Geländer, nix. Und 600 Meter Steilklippe unter Dir. Ich fauchte die Fotografin an, das sie schnell machen solle. Dann robbte ich langsam wieder zurück auf das feste Plateau. Was ein Kick :)



Prekestolen - (c) by Tom Kareto




Danach ging es dann den Wanderweg zurück. Geht ja Berg herunter, also easy. Denkste. Ich spürte jedes einzelne Gelenk. Meine Knie schrieen und wehrten sich. Auf dem Weg kam ich an einer Bank vorbei, dort saßen die beiden Mädels mit Ihren Sandalen. Sie sind gar nicht weiter hoch, das ginge mit den Schuhen anscheinend nicht. Ganz komisch. Naja, hatten sie halt kein Foto. Der Ausblick von der Bank auf Bäume war auch toll :).Endlich unten angekommen, jammerte jeder zweite über die Schmerzen. Ich nicht. Ich humpelte nur. Ganz langsam in den Bus. Eine Stunde ca, dann konnte ich mich endlich hinlegen. Aber diese Schlacht hatte ich geschlagen. Und die Fotos und Erinnerungen sind es Wert gewesen.


Wenn Ihr also mal in Norwegen unterwegs seid und der Ausflug zum Preikestolen wird angeboten, kann ich nur jedem raten den mitzumachen. Aber nehmt Kniebandagen und gute Wanderschuhe mit - es sei denn Ihr wollt mehrere Tage etwas von dem Ausflug haben.


Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende


Euer Tom

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