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  • Tom Kareto

Die Sehnsucht ist mein Steuermann...



...ein Song von Santiano, der genau mich beschreibt. Ist man zu Hause will man aufs Schiff, ist man ein paar Wochen auf dem Dampfer will man mal wieder kurz nach Hause. Aber nur kurz. Denn das "zu Hause" ist die See. Klingt komisch, ist aber so.


Allgemein muss man sagen, dass auf den Schiffen dieser Welt hauptsächlich der gleiche Typ Mensch arbeitet. Denn es gibt bei dieser Berufswahl kein: "vielleicht". Nur Ja oder Nein. Und das Ja oder Nein zeigt sich nach spätestens 14 Tagen an Bord. Geht die Tendenz eher zu Nein, dann kann man in 90 % der Fälle sagen, dass dieses Crewmitglied das Schiff auf freiwilliger Basis vor Ablauf des Vertrags verlässt.


Die ersten 14 Tage an Bord sind am schlimmsten. Gerade wenn man noch keine Erfahrung hat. Ich erinner mich noch an meinen ersten Aufstieg.

Palma de Mallorca, der Taxifahrer holt mich am Hotel ab und fährt mich zum Schiff. Da lag es, das umgekippte Hochhaus. Millionen von Gedanken im Kopf. Ab jetzt gibt´s kein zurück mehr, du bist jetzt mehrere Wochen da drauf.

Nachdem ich dann an Bord vom Crew-Purser eingecheckt wurde, holte mich meine "Chefin" ab. Willkommen an Bord, ich zeig Dir Deine Kabine und alles andere. Übrigens heute Abend ist Poolparty. Da müssen wir dann noch die Technik checken.

Leute, ich sag´ es Euch - Buffer Overflow. Mit ihr zusammen habe ich den Weg zur Kabine zwar gefunden aber zurück?? Keine Chance. Es sah alles gleich aus und die Wege komplett verwinkelt.

Der erste Tag war komplett vollgepackt. Sicherheitseinweisungen, Securityeinweisungen, Abläufe, Kabine einräumen, Technik checken usw.

Und dann war meine erste Seenotrettungsübung.


Eine Sache am Rande: Das ist keine Spaßveranstaltung! Immer wieder stehen dort Gäste mit Ihren Handys und machen Selfies, Videos usw. in Ihren Rettungswesten. Und dann wird gemotzt warum das alles so lange dauert. Wenn sich jeder Gast an die Regeln halten würde, schnell zu seiner Musterstation geht, sich dort anstellt und aufnehmen lässt, wäre die Sache in 20 Minuten geritzt. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren, was man sich als Crewmitglied bei dieser Übung jedoch teils anhören muss, ist unterste Schublade. Als ob wir die Gäste ärgern wollten. Ziel der Übung ist doch, dass jeder Mensch auf diesem Dampfer weiß wo und wie er im Notfall zu handeln hat. Und ja, es ist eng.. Aber muss man sich dann daüber aufregen? Auch die Aussage: Ich brauche das hier nicht zu machen, habe ich schon hundert mal gemacht. Ja, bitte dann geh von Bord. Es ist Pflicht. Per Gesetz. Punkt.


Jetzt zurück zum Thema. Absolutes Chaos in meinem Kopf. Du weißt theoretisch zwar auf Grund der guten Vorbereitung vorm Aufstieg alles, praktisch sieht das dann aber noch mal ganz anders aus. Die Wege sind einem nicht bekannt, das Stresslevel ist auf Ultimo. Nach der Seenotrettungsübung dann direkt hoch auf das Pooldeck - die Welcomeparty geht los.Ganz ehrlich, ich hatte ja auch Erfahrung von anderen Auftritten und großen Bühnen, aber dieser Druck, der da am ersten Tag herrscht ist kaum zu beschreiben. Lampenfieber wirkt dagegen wie eine verstopfte Nase.

Was mich komplett fertig gemacht hat, war die Angst zu versagen. Man muss den Blickwinkel verändern um zu verstehen was ich meine: Du stehst auf einer Bühne, vor dir 2000 Menschen, die eine gute Party erwarten. So eine, die sie gewohnt sind von den anderen Reisen. Und Du bist neu. Das weiß da draußen aber keiner. Du bist am gleichen Tag aufgestiegen, tausende Dinge prasseln auf dich ein. Wie gesagt: Buffer Overflow.

Dann kommt sie, die Anmoderation: Hier ist für Euch, unser Djjjjjjjjjjj Tom.

So und dann passiert es. Technikausfall. Du drückst Play und es passiert: NICHTS. Absolut gar nichts.

Immerhin funktionierte das Mikro noch und ich stammelte was von: Tja, alles live Haha..

Plötzlich um mich herum, zwei Soundtechniker, meine Chefin, der Hoteldirektor an der Seite schaute auf die Bühne, 2000 Gäste vor Dir...absolut entspannte Situation für mich :))

Dank der Techniker konnte das Kabel dann auch wieder eingesteckt werden, welches ich vergessen hatte anzustecken. Es passiert. Aber muss sowas ausgerechnet an so einem Tag geschehen?? Murphys Law.


Nach der dann doch einigermaßen erfolgreichen Poolparty ging es weiter in der bordeigenen Diskothek. Bis 3 Uhr. Dann kam der Barchef zu mir und sagte ich solle aufhören. Gesagt, getan. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie ich ins Bett gefallen bin. Komplett fertig.


Die ersten Tage waren echt nicht schön, das sage ich ganz ehrlich. Nach 14 Tagen ca. stellt sich die Gewohnheit ein. Man kennt die Wege, man hat alles einmal durchgespielt, es kommt zur Routine und man sieht die schönen Seiten der Kreuzfahrtarbeit. Da ich hauptsächlich abends arbeiten musste, konnte ich tagsüber auch mal von Bord gehen. Die Städte erkunden. Das Leben genießen und alle mit tollen Facebookbildern neidisch machen. Mache ich heute noch. Und es funktioniert super :))


Gegen Ende des Einsatzes merkt man dann, dass einen dieses Virus Seefahrt befallen hat. Der Abstieg kommt näher, man will aber gar nicht weg. Die ganzen tollen Kollegen, die Gäste, der Tagesablauf... Das soll jetzt bald alles weg sein?? Klar, zu Hause warten auch Freunde und Familie - dennoch, ich wollte bleiben. Da es leider keinen direkten Folgeeinsatz gab, bin ich noch eine Woche privat an Bord geblieben. Danach brauchte ich dann tatsächlich Urlaub :))


Wenn ich hier so darüber schreibe, wächst schon wieder die Sehnsucht... Aber glaubt mir, es geht bald wieder los und dann sehen wir uns an Bord und stoßen an. Auf das Seefahrt-Virus. Nicht auf Corona :)


In diesem Sinne, bis später


Euer Tom





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