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  • Tom Kareto

Darf ich mal die Brücke sehen??...


Eidfjord - Norway copyright Tom Kareto

...ist gefühlt die am häufigsten gestellte Frage nach "Schläft die Crew auch an Bord?"

Standardantworten auf die letzte Frage sind: "Nein, hinter uns fährt die MS Deutschland, da fahren wir mit dem Rettungsboot nachher rüber.." oder: "Na klar, wenn Sie auf Landgang sind, macht es sich die Crew auf den Gastkabinen gemütlich.."

Man sollte meinen, dass diese Frage nicht gestellt wird - glaubt mir, sie belegt tatsächlich Platz 1. Ich denke immer: Du willst mich doch jetzt ärgern...aber nein, meist ist die Frage ernst gemeint.

Auch der Kapitän, der hin und wieder seine Runde im öffentlichen Bereich dreht um Präsenz zu zeigen, bleibt nicht verschont. "Wer fährt denn jetzt das Schiff?" schrie ihn ein Passagier voller Panik an. Seine Antwort war grandios: "Die Frisörin, die kennt sich mit Dauerwellen aus, mir ist das heute zu windig da draußen.." :))

Grinsend ging ich weiter, leider habe ich von dem weiteren Gespräch nichts mitbekommen, die Panik in den Augen des Gastes habe ich heute noch vor mir. Um Euch zu beruhigen, das Schiff fährt mit dem Auto-Kapitän. Also der, der im Computer sitzt. Track-Pilot heißt das in der Fachsprache. Anlegen, hinlegen, Ablegen. - so kann man die Kapitänsarbeit sarkastisch am besten beschreiben.


Die Frage: "Darf ich mal die Brücke sehen" steht unangefochten auf meinem Platz 2.


Zur allgemeinen Erklärung: Die Brücke ist ebenso wie die Maschine ein hochsensibler Sicherheitsbereich. Es gibt organisierte Brückenführungen, ja, die sind aber auch immer vorbereitet. Mal eben hoch auf die Brücke dürfen nur die wenigsten. Die Crew will da gar nicht hin, denn das heißt man hat Mist gebaut. "Tom, Du sollst auf die Brücke!" - "OK, soll ich die Koffer direkt mitnehmen?"


Nichts desto trotz gibt es immer wieder Ausnahmen. Eine davon gehört zu meinen ganz besonderen Erlebnissen, da ich von Anfang an darin involviert war. An alle, die mich kennen, ich sitze hier vor dem Rechner und habe beim schreiben Tränen in den Augen weil ich diese Gesichter niemals vergessen werde.


Ein junges Paar war an Bord und jeden Abend auch bei mir in der Borddisco. Wir kamen am Anfang der Reise schon ins Gespräch und haben uns sehr gut verstanden. Am 4. Tag der Reise (es war eine 14 Tage-Tour) fragte mich der Mann, ob ich ihm einen Brückenbesuch organisieren könnte, da er gerne seiner Freundin dort einen Antrag machen möchte. Pflichtbewusst wie ich bin, habe ich ihm auch gesagt, das dies nicht so einfach werden würde, ich es aber versuchen wolle.

Zwei Tage später traf ich unseren Kapitän, der gerade seinen ersten Einsatz für diese Reederei fuhr, im Crewbereich. Da ich für ihn auch schon ein paar Mal Musik zusammengestellt habe, sagte ich: " Ich habe da doch jetzt was gut bei Dir, oder?" Er grinste nur und sagte: "Kommt drauf an was?"

Ich erzählte ihm von dem Wunsch und er war hellauf begeistert. "Klar, das machen wir, das ist mein erster Heiratsantrag! Sag mir Bescheid wie und wann und wir bekommen das hin."


Sehr gut, das GO vom Chef hatten wir. Nun wäre ich nicht ich, wenn ich das einfach so zugesagt hätte. In meinem kleinen Kopf hatte ich eine Idee. Abends traf ich mich mit dem Bräutigam in spe um ihm diese vorzuschlagen. Auch er war absolut begeistert. Geplant war, diesen Antrag im Eidfjord am vorletzten Tag der Reise durch zu führen. Die Leser die dort schon einmal waren, wissen - da ist nicht viel Zivilisation, dafür ganz viel tolle Natur und man liegt mitten drin.


Wie überrascht man jetzt also die Frau? Naja, ich hatte ja noch ein paar Tage. Die habe ich auch genutzt, denn jeden Tag kam von ihr die Frage: "Darf ich nicht doch mal die Brücke sehen??" "Nee, wie schon gesagt, Sicherheitsbereich und glaub mir, da willst nicht hin. Da kommen nur die hin, die dann ein paar Stunden später das Schiff verlassen müssen." Den Wunsch auf die Brücke zu wollen, habe ich ihr so dermaßen ausgeredet, dass sie hinterher richtig Respekt davor hatte und auch nicht mehr fragte. Hehe, Teil 1 hat funktioniert. :)


Man nennt mich ab und zu mal "Überraschungs-sadist". In diesem Fall, bei nachträglicher Betrachtung, auch zutreffend - aber es war soooo lustig was sich mein Kopf da ausgedacht hat. Ich gebe den beiden jetzt mal Namen um es einfacher beschreiben zu können. Nennen wir das junge Paar mal...Horst und Frieda.


Horst hatte die Aufgabe bekommen, seine Frau daran zu hindern direkt von Bord gehen zu wollen. Hat er auch geschickt gemacht, er ging offiziell vorm Landgang noch zum Sport. Sie könne sich in der Zeit ruhig fertig machen. Horst kam also zu uns uns wir bereiteten alles vor.


Dann war es soweit. Stellt Euch vor, Ihr kommt gerade aus der Dusche und auf dem ganzen Schiff, inklusive der Kabinenlautsprecher ertönt folgende Durchsage: "Liebe Gäste, hier spricht die Rezeption. Wir bitten Frau Frieda Mustermann sich dringend persönlich bei der Rezeption zu melden."


Nun rennt Ihr - Frieda übrigens mit dem Handtuch auf dem Kopf - frischgeduscht zur Rezeption und dort erwartet Euch der Security-Offizier, Typ Davidwachenboss. Also so einer wo die Hemdärmel aus Hosenbeinen genäht wurden. Dieser Offizier schaut ziemlich skeptisch und liest von seinem Klemmbrett vor: "Frau Mustermann - Bei einer routinemäßigen Kabinenkontrolle sind illegale Substanzen auf Ihrer Kabine gefunden worden. Ich muss sie bitten mir zu folgen."


Panik. Ausreden. "Was?" Häh? Wie bitte? Das kann nicht sein - waren Friedas Reaktionen.

"Das klären wir oben, folgen Sie mir bitte." war die knappe Antwort vom Davidwachen Bulldozer.


Frieda folgte ihm. Total aufgewühlt. "Was ist mit meinem Mann? fragte sie.

"Der ist schon oben, den haben wir beim Sport gesehen und direkt mitgenommen!" ist einfach die grandioseste Antwort in dieser Situation. (Ich lache schon wieder :)) )


So gingen die beiden gemeinsam durch das Schiff. Durch den Crewbereich und dann zu einer Tür. Der Davidwachen-Bulldozer klingelt und die Tür öffnet sich. Sie stehen im Vorraum der Brücke und man hört die Stimme vom Kapitän: "Bring sie rein.." (Es war zu schön :) )


Voller Panik betrat Frieda die Brücke und bemerkte gar nicht wo sie war. Sie sah auch Ihren Horst erst nicht, der stand nämlich leicht hinter dem Eingang. Sie hatte nur Augen und Ohren für den Kapitän.


Während dieser mit Frieda sprach, brachte Horst sich hinter ihr in Stellung.

Ab auf die Knie, Ring in der Hand - manche nennen das romantisch - und tippt sie an.

Ab jetzt Freunde wird's Comedy pur.


Frieda dreht sich um, guckt ihn fuchsteufelswild an und sagt: "Jetzt NICHT!!" :)))))))

In dem Moment, wo sie sich dem Kapitän wieder zuwendet, realisiert sie, dass an dieser Situation irgendetwas nicht stimmt. Sie dreht sich nochmal um, schaut auf den Ring UND ...fängt an Ihren armen Horst zu schlagen..

OK eine Backpfeife war es. "Spinnst Du?" brüllt sie ihn mit Tränen in den Augen an und lässt Horst dann aber doch mal zu Wort kommen.


"Frieda, magst Du meine Frau werden?" Hach... Da lagen die Beiden sich in den Armen, wir haben Fotos gemacht und Champagner verteilt. Es war eine sehr gute Stimmung nachdem Frieda sich endlich beruhigt hatte.

Um bei Frieda wieder einiges gut zu machen, hat der Kapitän sich dann extra viel Zeit genommen und ihr alle Fragen zum Thema Brücke beantwortet. Kurz vor Ende der Veranstaltung, sagte dann der Kapitän: "Zur Feier des Tages dürfen sie beide nun das Schiffshorn betätigen." Die Freude war riesig. Und sie hupten. Laut. Drei Mal. Im Eidfjord. Wo es jeder Gast hört, der draußen ist.

Kurz danach ging es los. Scharenweise rannten Gäste zurück zum Schiff, weil sie dachten der Dampfer fährt ab. Denn gehupt wird ja immer bei der Abfahrt.


Um es abzukürzen: Plötzlich hatte der Kapitän leichte Panik. Aber es half nicht. Wie das so ist, verbreiten sich: Das Schiff fährt, schnell zurück!!-Aussagen schneller als die Richtigstellung.


Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was an der Rezeption los war..Es hagelte Beschwerden, Reklamationen, Erstattungsanfragen weil man die Rechnung im Restaurant nicht mehr zahlen konnte und nur noch den 100 € Schein auf den Tisch gelegt hat usw.


Der Abend endete mit einer einzigartigen Rede eines großartigen Kapitän im Theatrium:

"Liebe Gäste, es tut mir leid, darüber haben wir nicht nachgedacht." Dann holte er Horst und Frieda noch auf die Bühne und es gab tosenden Applaus.

Ende gut, alles gut.


Das nächste Mal wenn ihr fragt: darf ich mal die Brücke sehen, denkt an diese wahre Geschichte.


In diesem Sinne, einen schönen Abend und bis morgen.


Euer Tom


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